Beim Projektieren und Bauen von Infrastrukturprojekten sind viele Herausforderungen zu meistern. Die grösste und zeitintensivste Komponente einer Planung erfolgt, bevor der erste Bagger auffährt: das Stakeholdermanagement. Die Energiedienstleisterin CKW setzt bei ihren Infrastrukturprojekten auf transparente Mitwirkungsprozesse. Ziel ist ein offener Austausch zwischen allen Interessierten und deren Interessen.

Die Schweizer Stimmbevölkerung stellte sich im Mai 2017 deutlich hinter die Energiestrategie 2050. Sie beschloss damit den Ausstieg aus der Kernenergie und den Ausbau erneuerbarer Energien. Die CKW will diesen Ausbau mit mehreren Projekten forcieren. Die technischen Probleme bei Infrastrukturbauten lassen sich meist rational analysieren und können vielfach mit dem entsprechenden Ingenieurwissen Schritt für Schritt bearbeitet und gelöst werden. Weit schwieriger gestaltet sich der Austausch mit dem gesellschaftlichen Umfeld.

Das zeigt sich bei der CKW insbesondere bei Windparkprojekten, aber auch bei der Planung von neuen Kleinwasserkraftwerken. Die politische Legitimierung ist noch lange kein Freibrief für die einzelnen Vorhaben. Häufig werden die Widerstände erst an konkreten Energieinfrastrukturprojekten sichtbar. Vielfach sind die Meinungen zu einem Projekt bereits gemacht, bevor die Fakten dazu auf dem Tisch liegen. Zwar spricht sich bei Umfragen eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung für den Atomausstieg und für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung aus. In der Frage, wie dies zu bewerkstelligen sei, driften die Meinungen aber weit auseinander.

Die Planung von Energieinfrastrukturprojekten wird zunehmend komplexer und konfliktärer

Die Herausforderung der Planung von Energieinfrastrukturprojekten besteht deshalb darin, Betroffene und Interessierte in einen langwierigen und thematisch komplexen Planungsprozess so einzubinden, dass sie ein Projekt mit all seinen Vor- und Nachteilen nachvollziehen und in der Folge informiert für oder gegen das Projekt entscheiden können. Im besseren Fall bringen sie sogar ihr Wissen in die Gestaltung des jeweiligen Projektes ein. Da der Zubau von Energieinfrastrukturprojekten in der Tendenz konfliktär und damit prozessual anspruchsvoll ist, ist ein gezielter Umgang mit den aufbrechenden Spannungsfeldern im Rahmen eines Multistakeholderprozesses ein möglicher Lösungsansatz. Ein solcher Prozess muss jedoch gezielt organisiert werden, damit er seine Wirkung entfalten kann. Dies bewog die CKW, sich mit einer Fallstudie in das Forschungsprojekt «Raum und Energie» einzubringen, das zum Ziel hatte, für Energieversorger einen Leitfaden für eine co-kreative Planung von Energieinfrastrukturen zu entwickeln.

Die frühe Beteiligung der Anspruchsgruppen erhöht die Chancen einer Realisierung von Projekten

Obwohl der zeitliche Aufwand für einen solchen Prozess gross ist, lohnt er sich. So Paul Hürlimann, Leiter neue Energien bei CKW: «Werden gesellschaftliche Problemstellungen nicht rechtzeitig erkannt und in Angriff genommen, verfestigen sie sich oft zu unüberwindbaren Hindernissen. Eine frühe, gezielte Beteiligung möglicher Anspruchsgruppen und Betroffener an der Projektplanung und -entwicklung ermöglicht Lösungsansätze, die auf einem gemeinsamen Nenner basieren und erhöht die Chancen einer Projektrealisierung oder versachlichen zumindest die Diskussionen über ein Projekt.» Paul Hürlimann ist überzeugt, dass Transparenz und ein möglichst breiter Informationszugang nur im Dialog und unter Mitwirkung aller Beteiligten und Betroffenen hergestellt werden kann. «Wir wollen mit den Mitwirkungsverfahren einen fairen Prozess ermöglichen und emotionale Kämpfe in der lokalen Bevölkerung möglichst vermeiden.»

In einer ko-kreativen Planung findet ein Austausch zwischen den verschiedenen Interessen der Bevölkerung, Experten und den politischen Behörden statt. Dazu gehören unter anderem Anwohner, regionale Verbände und Vereine, Behördenvertreter und Naturschutzorganisationen. Die relevanten zu behandelnden Themen sind zum einen Teil durch die Umweltverträglichkeitsprüfung und durch das raumplanerische Verfahren vorgegeben. Weiter kommen Aspekte zur Sprache, die durch die verschiedensten Stakeholder eingebracht werden und die für sie wichtig sind. Konkret geht es am Beispiel eines Windparks unter anderem um den Schutz von Vögeln und Fledermäusen oder auch Themen rund um Grundwasser, Infraschall, Naherholung und Besucherströme.

Ziel des Prozesses: Alle Stakeholder kennen die Vor- und Nachteile eines Projektes

Seit Januar 2018 befassen sich rund 20 Stakeholdervertreter in einem Stakeholderprozess mit dem Windparkprojekt Lindenberg. Die CKW plant an der aargauisch-luzernischen Grenze mit weiteren Partnern einen Windpark. Nach einer ersten öffentlichen Informationsveranstaltung hat eine Begleitgruppe ihre Arbeit aufgenommen. In diesen Sitzungen stellen externe Spezialisten in Fachreferaten die nötigen Untersuchungen vor und diskutieren diese mit den verschiedenen Begleitgruppenmitgliedern. Bei der Gelegenheit nehmen die Projektentwickler auch Beobachtungen und weiter Fragestellungen der Anwesenden auf. Die Resultate der einzelnen technischen, respektive umweltrelevanten Studien werden im Verlaufe der fortschreitenden Planung wiederum in die Begleitgruppe zurückgemeldet.

«Es ist unser Ziel, dass die Stakeholder am Schluss die Vor- und Nachteile des Windparkprojektes auf dem Lindenberg kennen und einen informierten Entscheid fällen können», sagt Paul Hürlimann. Die Transparenz wird im gesamten Stakeholderprozess nicht nur in Aussicht gestellt, sondern gelebt. Die Sitzungsunterlagen und Protokolle sind auf der Projektwebseite www.windpark-lindenberg.ch öffentlich zugänglich. Weitere Infos folgen in regelmässigen Newslettern. Überwacht und gesteuert wird der Interessengruppenprozess zudem von einer Steuergruppe bestehend aus Behördenvertretern von Kanton, Gemeinden und Regionen sowie den Investoren. Damit soll sichergestellt werden, dass der Stakeholderprozess im vorgesehenen Sinne abläuft.

Die Key Learnings für die Praxis

Die Erfahrungen aus dem Lindenbergprojekt sind neben denjenigen aus sechs Fallstudien in die Gestaltung des erwähnten Leitfadens eingeflossen. Der Leitfaden ist als Resultat einer Handlungsforschung zu Energie und Raum entstanden, ausgehend von der These, dass der Zubau von raumrelevanten erneuerbaren Energieninfrastrukturen komplexer, konfliktärer und prozessual anspruchsvoller wird, weil er im Kontext der Energiewende und damit in einem stark politisierten Umfeld stattfindet. Der Leitfaden wird anfangs 2019 veröffentlicht.

Das Forschungsprojekt:
Im Projekt Raum und Energie wurden im Rahmen einer Handlungsforschung über einen Zeitraum von 5 Jahren die Planung von Energieinfrastrukturen in den Bereichen Wind, Wasser und Wärme begleitet.

Fallstudien:
• 3 Windprojekte
• 2 Wasserprojekte
• 2 Energieverbünde
• Retrospektiv 6 Windprojekte im Kanton Waadt

Daten:
Insgesamt über alle Projekte 280 Interviews, 28 Begleitgruppen, 7 öffentliche Veranstaltungen.

Analyse:
Vergleichende, qualitative Analyse der Fallstudien.

Resultat:
Ein Leitfaden, der sich an Energieversorger richtet und die Grundsätze sowie den Prozess einer ko-kreativen Planung aufzeigt.

Im Hinblick auf die Gestaltung von Stakeholderprozessen können aus dem Forschungsprojekt folgende Key Learnings für die Praxis abgeleitet werden:

  • Jedes Projekt hat seinen Lokalkolorit: Auch wenn im Vorfeld der Planung beispielsweise eines Windprojektes die Themen klar scheinen, bringt jedes Projekt seine eigene Geschichte und einen eigenen lokalen Kontext mit sich, beide muss man aus der Perspektive der Stakeholder verstehen.
  • Stakeholderprozesse bringen ein neues Führungsverständnis mit sich: Neben Sachkompetenz und Budgetbewusstsein braucht es vonseiten der Projektierer Dialogfähigkeit, Flexibilität und Offenheit, sich als erste «Zuhörerinnen» der Stakeholderdiskussionen zu sehen und bereit zu sein, Entscheidungen in Kenntnis der Beiträge und Erwartungen der verschiedenen Anspruchsgruppen zu treffen.
  • Stakeholderprozesse haben einen klaren, gemeinsam getragenen Fokus: Ziel des Stakeholderprozesses ist es, das Projekt mit allen Vor- und Nachteilen aufzuzeigen, damit für die Stakeholder informierte Entscheide auf einer soliden und transparenten Faktenbasis möglich werden.
  • Stakeholderprozesse folgen einem flexiblen aber vereinbarten Zeitplan: Mit jeder Partei, die zusätzlich in einem Projekt mitreden will, werden die Rahmenbedingungen und Diskussionen tendenziell komplizierter. Entsprechend systematisch und mit einer langfristigen Perspektive sollten die Stakeholderprozesse mit der Projektplanung an sich, den sich ergebenden Entwicklungen aus einem laufenden Projekt, den politischen Prozessen sowie den Dialog- und Kommunikationsprozessen abgestimmt werden, damit ein echter Dialog mit den Betroffenen möglich wird. Eine Planung soll die Inputs der Stakeholder in einem gegebenen Rahmen aufnehmen können.
  • Bei der Projektidee mit dem Stakeholdereinbezug anfangen: Es ist nie zu früh, oft aber zu spät. Dies wurde in den Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojektes mit Stakeholdern geführt wurden, immer wieder erwähnt.
  • Alle Stakeholder einbeziehen, die eine oder mehrere projektrelevante Perspektiven einbringen können: Dies sollte unabhängig ihrer Couleur oder Haltung zum Projekt geschehen.
  • Immer wieder die Zusammenarbeit an sich thematisieren: Ko-kreativ in einem multiperspektivischen, dynamischen Setting zu arbeiten mitunter Zeit, Geduld, Entschleunigung und Orientierung. Entsprechend sollten für Stakeholderprozesse mit den Stakeholdern zusammen Spielregeln bestimmt werden, auf die man sich gegebenenfalls berufen kann. Wichtig ist – so die befragten Stakeholder – dass es keine versteckten Agenden und Games gibt. Stattdessen soll eine stakeholderorientierte Planung Verbindlichkeit, Fairness und Transparenz schaffen.
  • Eine stakeholderorientierte Projektentwicklung ist ein Change Management: Es braucht über einen längeren Zeitraum den Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen. Die Projektentwickler müssen zudem das Know How für ein stakeholderorientiertes Arbeiten aufbauen und im Unternehmen verankern.
  • Externe Moderation beiziehen: Angesichts der Komplexität und möglicher Konflikthaftigkeit der Stakeholderprozesse ist eine externe Moderation, welche die Allparteilichkeit sicherstellt, zentral.

Keine Erfolgsgarantie, aber Grundlage, um faktenbasiert und ko-kreativ zu arbeiten

Eine Erfolgsgarantie im Sinne von bewilligten Projekten bieten die von der CKW geführten Mitwirkungsprozesse nicht. Das mussten Paul Hürlimann und sein Team Ende 2016 erfahren, als das Windparkprojekt in Kirchleerau/Kulmerau gestoppt werden musste. Unter anderem infolge grossen Widerstandes aus der Bevölkerung. «Das Projekt hat uns aufgezeigt, dass ein frühzeitiger Einbezug der betroffenen Interessengruppen wichtig ist. Nur im Dialog ist es möglich, gegenseitiges Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven zu entwickeln», sagt Paul Hürlimann. Der Stakehlderprozess ist dabei auf eine hohe Akzeptanz gestossen. «Die Beteiligten wurden als verlässliche und faire Partner für die lokalen Behörden und die Bevölkerung wahrgenommen.»

In allen Projekten hat sich gezeigt, dass Stakeholder wesentliche Beiträge für die Projektentwicklung geleistet haben. Konkret Erreichtes lässt sich grob mit «Zugang zu komplexen Fragestellungen», «Rückführung auf die Fakten», «Klärung von Expertenstreits» sowie «Kooperative Entwicklungen» zusammenfassen. So haben die Stakeholder unter anderem ihr lokales Wissen für die Vogeluntersuchungen eingebracht. In einem anderen Projekt haben sich die Stakeholder aktiv bei der Entwicklung von möglichen Lastabgeltungsmodellen engagiert.

Im Stakeholderprozess konnte zudem gegenseitiges Verständnis geschaffen und damit die Planung breiter abgestützt werden. Insgesamt stieg aufgrund stakeholderorientierten Vorgehens die Qualität und Glaubwürdigkeit der Planung. Externe wie Medien orientierten sich in der Folge zunehmend an den Informationen, die von den Projektentwicklern mit weitgehender Transparenz veröffentlicht wurden.
Die Vorteile einer ko-kreativen Projektentwicklung liegen auf der Hand. Es können Differenzen rechtzeitig erkannt und von den Projektträgern bei jedem Etappenentscheid berücksichtigt werden. Ebenso können für ein Projekt kritische inhaltliche Problemstellungen auf den Tisch kommen. Dabei gilt es, eher ein Projekt abzubrechen, als eine wenig erfolgversprechende Planung weiterzuziehen. Noch zentraler, weil vorwärtsgerichtet, ist es jedoch, unter Einbezug der Betroffenen ein Projekt in einem gegebenen Rahmen gemeinsam zu gestalten.

Die CKW und ihre Tochterunternehmen werden auch in Zukunft die Energiewende und die Stromproduktion aus erneuerbarer Energie vorantreiben. Aktuelle Wasserkraft-Projekte verfolgt die CKW-Gruppe in den Kantonen Uri (Schächen, Meiental, Palanggenbach, Erstfeldertal) und Luzern (Waldemme, Neukonzessionierung Emmenweid). Im Bereich Windkraft arbeitet die CKW in einer Kooperation zusammen mit der AEW Energie AG und den Services Industriels de Genève am Projekt Windpark Lindenberg. Hinzu kommen zahlreiche kleinere und grössere Photovoltaikprojekte.

Prof. Dr. Ruth Schmitt (FHNW) und Ursula Dubois (Sociolution GmbH) haben im Rahmen einer anwendungsorientierten Forschung auf der Basis von sieben Energieinfrastrukturprojekten, welche sie begleitet haben, einen Leitfaden entwickelt, der  sich an Energieversorger und Planer richtet, welche mehr über das Vorgehen bei einer ko-kreativen Planung erfahren möchten. Zudem floss in ihr Projekt eine retrospektive Betrachtung von sechs Windenergieprojekten im Kanton Waadt ein. Der Leitfaden spiegelt die von vom Forschungsteam gemachten praktischen Erfahrungen entlang der Phasen eines Stakeholderprozesses und zeigt die konzeptionellen Grundlagen des ko-kreativen Planens auf. Demnächst erscheint ihre Publikation «Energie und Raum: Stakeholderorientierte Infrastrukturplanung – ein Leitfaden für die Energiebranche». Gemeinsam begleiteten sie die CKW im Stakeholdermanagement von Windenergieprojekten.